Jaffa : present : absence

Ich begreife Anwesenheit und Abwesenheit nicht als eindeutige, sich gegenseitig ausschließende Zustände. Im mehrdimensionalen Zusammenspiel zwischen dem was da ist und dem was nicht da ist gibt es vermischte Zustände von anwesender Abwesenheit und abwesender Anwesenheit.

Jaffa house | Photography: Marie-Jolin Köster

Old Jaffa house | Marie-Jolin Köster | 2006

Noch nicht da oder nicht mehr da machen die zeitlichen Bezüge der Anwesenheit deutlich: Das „Fehlen eines Subjektes oder Objektes an einem Ort“ hat eine zeitliche Komponente. Die Wahrnehmung von Absenzen beruht auf Wissen über Vergangenheit und/oder Zukunft. Ein Subjekt oder Objekt kann nur als abwesend verstanden werden, wenn es als potenziell anwesend gilt.

Jaffa house remains | Photography: Marie-Jolin Köster

Jaffa house remains adjacent to Andromeda Complex | Marie-Jolin Köster | 2006

Bestimmungen von Nähe und Distanz wiederum richten die Aufmerksamkeit auf spezifischere räumliche Qualitäten von An- und Abwesenheiten. Die fortwährende Präsenz von etwas Abwesendem kann durch das schmerzhafte Fehlen von Subjekten, Objekten oder Zuständen zu einer Art Phantomschmerz führen.
In der Medizin bezeichnet dieser Begriff die schmerzhafte Wahrnehmung eines nicht mehr vorhandenen Körperteils. Auf soziale Zusammenhänge übertragen kann dieses Konzept helfen zu verstehen, wie der Verlust von Räumen, Zuständen oder Menschen und das schmerzliche Wahrnehmen dieser Abwesenheiten auch nach langer Zeit einen Einfluß auf die Wahrnehmung ausübt.

Jaffa house room || | Photography: Marie-Jolin Köster

Old Jaffa house inside room | Marie-Jolin Köster | 2006

In der Vergegenwärtigung des Verlusts bleibt das ehemals Anwesende präsent, bisweilen sogar in gesteigerter Form:

„Thus, phenomena may have a powerful presence in people’s lives precisely because of their absence; a paradox we refer to as ‚the presence of absence‘.“ (M. Bille, An Anthropology of Absence, 2010)

Diese fortwährende Anwesenheit des Abwesenden drückt sich in Nostalgie, Heimweh oder Sehnsucht aus. Fotos, Videos und andere Erinnerungsobjekte vergegenwärtigen eine gerahmte Fassung einer vergangenen Anwesenheit. Verlorene Räume können bisweilen so sehr als Auslassung empfunden werden, dass Menschen Heimweh entwickeln, auch wenn sie den vermeintlichen Ort ihrer Sehnsucht nie selbst erlebt haben.

Jaffa house coming in | Photography: Marie-Jolin Köster

Old Jaffa house entrance | Marie-Jolin Köster | 2006

„In all these cases, the absent elements are sensuously, emotionally and ideationally present to people and are articulated or materialized in various ways through narratives, commemorations, enactment of past experiences or visualizations of future scenarios.“ (M. Bille, An Anthropology of Absence, 2010)

Auf der anderen Seite entziehen sich Präsenzen immer wieder der Wahrnehmung. Ein Subjekt oder Objekt, welches zur gleichen Zeit am gleichen Ort präsent ist wie der Betrachter / die Betrachterin wird nicht zwingend auch als anwesend wahrgenommen. Die mögliche Abwesenheit des Anwesenden begründet sich zunächst durch die selektive Wahrnehmung, die notwendigerweise dazu führt, dass nicht alle Subjekte oder Objekte gesehen oder gehört werden können.

Darüber hinaus werden jedoch bestimmte Anwesenheiten durch hegemoniale Diskurse in eine Art ‚Toten Winkel‘ verwiesen, der ihre Wahrnehmung – aufgrund diskursiver Entnennung und damit verbunden einer Herstellung von Unsichtbarkeit – aktiv verhindert.

Jaffa house out | Photography: Marie-Jolin Köster

Old Jaffa house -barren | Marie-Jolin Köster | 2006

Machtvolle Diskurse strukturieren die hegemoniale Wahrnehmung, während divergierende soziale Wirklichkeiten marginalisiert werden. Wer also anwesend und sichtbar ist, wer wahrgenommen wird und wer nicht, wird im Diskursverlauf konstruiert und rekonstruiert. An-/Abwesenheiten werden jedoch nicht nur diskursiv hergestellt, sondern auch materiell. Menschen sahen und sehen sich immer wieder gezwungen, ihre Anwesenheit an einem bestimmten Ort aufzugeben. Thematisiert werden muss also nicht nur die diskursive Entnennung, sondern auch die andauernde Entrechtung, die auf verschiedenen Handlungsebenen interaktiv vollzogen wird, gestützt von bürokratischen, administrativen, biopolitischen Machttechniken. Wie diese sich in der Landschaft bzw. der materiellen Umwelt zeigen bzw. welche strategischen Unsichtbarkeiten entstehen, weist wieder zurück zu dem Diskurs der die Wahrnehmung der materiellen Umwelt bestimmt und gleichzeitig wechselseitig davon mitbestimmt wird.

Jaffa building | Photography: Marie-Jolin Köster

Part of Andromeda Complex in Jaffa – building mediterranean style | Marie-Jolin Köster | 2006

Wenn Herrschaftsverhältnisse stabil und eindeutig sind gehen Prozesse von Raumaneignung, Raumentfremdung und Raumbemächtigung Hand in Hand. Materielle und diskursive Raumaneignungen sind dennoch dialektische Prozesse. Auch minorisierte Akteure können einen konstituierenden Beitrag beim Aufbau sozialer Räume leisten, „der darin besteht, scheinbar immer schon vorhandene, nicht veränderbare Raumarrangements anders zu lesen und zu deuten und damit neuesoziale Räume zu konstituieren.“ (M.Schroer, 2006: 102 ) Zu Natur gewordene Geschichte kann durch das Erkennen ihrer geschichtlichen Bedingtheit denaturalisiert werden.

„It’s never easy to get back from the object to the activity that produced and/or created it. Because once construction is completed, the scaffolding is taken down (….) so what needs to be done is to reconstitute the process of its genesis and the development of its meaning.“ (Merrifeld, Andy. Henri Lefebvre. A Socialist in Space. In: Crang, Mike; Thrift, Nigel. (Eds.) Thinking Space. London 2000: 167-183 hier: S.171)

Re:Construction Ajami Beach | 2006 | Marie-Jolin Koester

Re:Construction Ajami Beach | Marie-Jolin Köster | 2006

Eine Beschäftigung mit Formen der Repräsentation kollektiver Erinnerungen und  Identitäten innerhalb von Landschaft, die nicht nur das hegemoniale Geschichtsnarrativ berücksichtigen will, kann sich folglich nicht auf die Beschreibung vorhandener Arrangements beschränken sondern muss durch Denaturalisierung ebenso die verborgenen Brüche innerhalb dieser Landschaft sichtbar machen. Wenn Orte, vor allem intentional errichtete oder im Nachhinein mit Bedeutung aufgeladene, nicht nur eine Erinnerung festschreiben sondern notwendigerweise andere Erinnerungen ausschließen, dann gilt mein Interesse an der bebauten Umwelt und der scheinbar „natürlichen Landschaft“ inzwischen vor allem dem, was sie uns auffordert zu vergessen.